Hermann Röchling und die V2

Hermann Röchling und die V2
Neue Erkenntnisse zu den Verwicklungen des Röchling-Konzerns in die Rüstungsindustrie des Dritten Reichs

Erst war es kaum mehr als eine Ahnung. Doch dann verdichteten sich die Vermutungen der Akteur:innen rund um das Ausstellungs- sowie Forschungsprojekt DAS STÄHLERNE HERZ zur Gewissheit, befeuert von flankierenden Recherchen des niederländischen Künstlers Marcel van Eeden, der derzeit an einem Langzeitprojekt rund um die V2 und ihre Folgen arbeitet und einen Teil davon als insitu-Installation für DAS STÄHLERNE HERZ in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte realisiert. Archivsichtungen, Internetrecherchen sowie Vorort-Erkundungen brachten nach und nach immer weitere Puzzleteile einer Geschichte ans Licht, die nun – noch lange nicht vollständig – zum ersten Mal öffentlich präsentiert wird.

Worum geht es genau? Hermann Röchling, die Röchling-Werke und ihre Ingenieure waren neben „klassischen“ Rüstungsaufgaben wie Stahlhelmen, Granaten und Geschützrohren zugleich maßgeblich an der Entwicklung der „Wunderwaffen“ beteiligt, mit denen das nationalsozialistische Deutschland die Wende im Zweiten Weltkrieg erreichen wollte. Die „Hochdruckpumpe“, eher bekannt unter dem Namen „V3“ (Das V stand in der Diktion von Propagandaminister Joseph Goebbels für „Vergeltungswaffe“), wurde komplett von Hermann Röchling verantwortet. Der Erfinder des längsten je gebauten konventionellen Geschützes der Welt war der Waffenkonstrukteur August Coenders, der in der Waffenschmiede Röchling-Buderus in Wetzlar Rüstungsprodukte am laufenden Band entwickelte – er arbeitete unter anderem auch an einem alternativen Antrieb für die Flugbombe „V1“. Allein für die „V3“, im Jargon jener Jahre auch „Fleißiges Ließchen“ genannt, wurden 20.000 Granaten produziert und bezahlt, ohne je abgeschossen zu werden – überaus lukrativ für die Röchling-Werke und deren Besitzer. 

Für die Entwicklung der V2 entsendete Hermann Röchling mindestens einen Ingenieur der Völklinger Hütte zur Heeresversuchsanstalt Peenemünde, wo die V1 und V2 maßgeblich entwickelt wurden. Dies legt ein Dokument nahe, das dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte von der Enkelin des Ingenieurs übermittelt wurde. 

Nach der Bombardierung Peenemündes durch die Royal Air Force im August 1943 wurden die Arbeiten an den V-Waffen unter Tage verlagert. Die Wahl fiel auf eine Stollenanlage nahe Nordhausen im südlichen Harz. KZ-Häftlinge mussten dort als Arbeitssklaven die Stollen ausbauen und die Montage der V2 realisieren. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und das Fehlen hygienischer Einrichtungen und medizinischer Versorgung führten zu einer außergewöhnlich hohen Zahl an Toten. Bis heute steht diese Produktionsstätte und das ihr zugeordnete KZ Mittelbau-Dora exemplarisch für die außerordentlich brutale und todbringende Form industrieller Zwangsarbeit.

Auch im Harz wurde der Völklinger Ingenieur nach Informationen der Enkelin tätig. „Die Nachfahrin von Karl Buchmann tritt in der Ausstellung DAS STÄHLERNE HERZ in einem der 14 Zeitzeugen-Interviews auf, die Geschichten und Geschichte jenseits von lückenlos dokumentierter Aktenlage zeigen und die Menschen in und um die Hütte in den Vordergrund stellen“, so Dr. Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte und Ausstellungskurator der Schau zur Geschichte der Völklinger Hütte, die die Rolle des Röchling-Konzerns im Dritten Reich nochmal neu beleuchtet. 

Während der besagte Ingenieur im Archiv des Historisch-Technischen Museums Peenemünde bislang nicht verortet ist, erschlossen unsere Recherchen einen weiteren, bisher nicht bekannten Aspekt.

Die unterirdischen Produktionsanlagen der V2 hätten damals auch unweit von Saarbrücken entstehen können. Wie einem dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte vorliegenden Sitzungsprotokoll vom 25. August 1943, also kurz nach der Bombardierung Peenemündes, zu entnehmen ist, an der u.a. Wernher von Braun teilnahm, wurde intensiv diskutiert, die Montage der V2 in „Höhlen bei Saarbrücken“ auszulagern. In diesem Fall, so liest man weiter, käme die Firma Röchling als „Zusammenbaufirma“ in Frage. 

Die „gesamte Mittelteilefertigung und Heckfertigung“ sollte aus Peenemünde verlagert werden. Hierfür schienen die bei Saarbrücken gelegenen Höhlen laut einem Ingenieur als „besonders geeignet“. Die „Belegschaft“ könnte „aus dem Häftlingslager F1 gestellt werden“, also aus den bereits V2-erfahrenen Zwangsarbeitern in Peenemünde, so das Dokument im Wortlaut.

Welche „Höhlen bei Saarbrücken“ gemeinsam mit den Röchling-Werken zur Produktion der V2 in Erwägung gezogen wurden, ist bislang unklar. Gesichert ist jedoch, dass die „Grube Kalk“, die unterirdische Anlage zum Kalkabbau im französischen Wittring, die von den Röchling-Werken bereits seit 1896 zur Kalkgewinnung genutzt wurde, neben anderer Rüstungsproduktion schließlich auch zur Treibstoff-Produktion der V2 eingesetzt wurde. In dem weit verzweigten und höchst geräumigen Stollensystem unweit von Saargemünd wurde, wie zahlreiche Quellen belegen, 1944 u.a. der für das Antriebssystem der V2 dringend benötigte Flüssigsauerstoff produziert.  

In Wittring gab es neben der Sauerstofferzeugung zum Antrieb der V2 und anderer kriegswichtiger Produktion eine weitere Besonderheit – und zwar eines der größten Zwangsarbeiterlager des Dritten Reiches, das auf einem Fluss angesiedelt war. Am Ufer der Saar waren zahlreiche Péniches vertäut, die bis zu 1600 italienische Kriegsgefangene aufnahmen. Im weiterhin in Betrieb befindlichen Kalkbergwerk arbeiteten 1944 parallel dazu ukrainische Zwangsarbeiterinnen für Röchling bzw. dessen Eisenhütte im lothringischen Diedenhofen – Frauen, die zuvor im Völklinger Werk oder im Kalksteinbruch Berus für den Röchling-Konzern im Einsatz waren.

„Mit den Forschungen zur Ausstellung DAS ST´ÄHLERNE HERZ. Deutschland und Europa im Brennglas der Völklinger Hütte erschließen wir auch die Geschichte des Röchling-Konzerns als wesentlichem Baustein des militärisch-industriellen Komplexes im Dritten Reich und die zentrale Rolle von Hermann Röchling als Wehrwirtschaftsführer sowie Reichsbeauftragter für Eisen und Stahl im Zweiten Weltkrieg nochmals neu und stellen uns damit der historischen Verantwortung dieses Standortes der Eisen- und Stahlindustrie im Saarland“, so Dr. Ralf Beil, Kurator der Schau unter der Schirmherrschaft von Anke Rehlinger, der Ministerpräsidentin des Saarlandes, die am 23. Januar 2027 eröffnet. 

Die historische Verbindung der Völklinger Hütte mit der V2 wird in der Ausstellung durch einen eigens für die Schau erstellten, originalgetreuen Nachbau der Überschall-Rakete realisiert, die mit ihren 12 Metern Länge im Maßstab 1:1,15 aus einem Tiefgeschoss der Gebläsehalle wie aus einer Startrampe bis knapp unter die Hallendecke ragt.

Für das Tiefgeschoss selbst hat der niederländische Künstler Marcel van Eeden eine neue Foto-Arbeit geschaffen, die installativ den Raum um die Antriebswerke der V2 bespielt und historische, literarische sowie autobiographische Spuren verfolgt: Die 42-teilige Foto-Serie, präsentiert in Leuchtkästen, verbindet Goethes „Faust“ mit Thomas Pynchon, Auerbachs Keller mit Mittelbau-Dora und Wittring sowie die Völklinger Hütte mit Den Haag, wo Marcel van Eedens Mutter am 1. Januar 1945 den Einschlag einer V2 in nächster Nähe erlebte.

"DAS STÄHLERNE HERZ sucht als Ausstellung eben diese Durchdringung von Historie, Kunst und Leben als Katalysator einer neuen Geschichtswahrnehmung“, resümiert Kurator Ralf Beil das Zusammenspiel der Ausstellungselemente sowie eines der wesentlichen Ziele der Schau.

Ansprechpartner

Dr. Armin Leidinger

Kommunikation | Presse

Telefon: +49 (0) 6898 / 9 100 151
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